25.09.2007 / Titel / Seite 1
Billiglohnland BRD
Jörn Boewe
Die Nettolöhne und -gehälter sind 2006 auf den niedrigsten
Stand seit 20 Jahren gesunken. Wie die Bild-Zeitung am Montag unter Berufung auf
eine Statistik des Bundesarbeitsministeriums berichtete, lag der
Nettorealverdienst nach Abzug von Steuern, Sozialbeiträgen und bei
Berücksichtigung der Preisentwicklung im vergangenen Jahr im Schnitt bei 15845
Euro im Jahr – etwa so hoch wie 1986 mit umgerechnet 15785 Euro.
Rudolf
Hickel, Direktor des Bremer Instituts für Arbeit und Wirtschaft (IAW), sagte dem
Blatt: »Die Bruttolöhne sind vergleichsweise gering gestiegen, weil die
Unternehmen Zusatzleistungen wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld abgebaut haben.«
Dazu kämen steigende Preise, höhere Sozialabgaben und Steuern.
Dem
Bericht zufolge haben die Gesamtabzüge vom Bruttolohn im vergangenen Jahr ein
Rekordniveau erreicht. Im Schnitt habe ein abhängig Beschäftigter 9291 Euro an
Lohnsteuer und Sozialbeiträgen gezahlt – soviel wie nie zuvor. 1986 hätten die
Abzüge noch bei 5607 Euro gelegen. Die durchschnittlichen Bruttolöhne seien im
selben Zeitraum nur von 22333 Euro auf 33105 Euro im Jahr gestiegen. Auch die
Inflation hat den Angaben zufolgen zu Reallohnverlusten geführt. So legten die
Löhne in den vergangenen fünf Jahren um 4,1 Prozent zu, die Preise dagegen um
7,1 Prozent.
Dabei erfaßt die Statistik noch nicht einmal sittenwidrige
und illegale Dumpinglöhne. Doch auch diese sind längst ein fester Bestandteil
der deutschen Wirtschaft, wie gestern von kompetenter Seite bestätig wurde. »Wir
schätzen, daß bis zu 150000 Bau-Beschäftigte keinen Mindestlohn erhalten«, sagte
der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Baugewerbes (ZDB), Hans-Hartwig
Loewenstein, der Frankfurter Rundschau (Montagausgabe) – dies wäre etwa jeder
fünfte. »Hinzu kommen viele Arbeitnehmer, die nur den niedrigeren Ost-Lohn
bekommen, obwohl sie auf einer West-Baustelle arbeiten. Den Behörden gelingt es
kaum, diese Verstöße einzudämmen«, sagte der Unternehmerfunktionär. Um
Kontrollen zu vereinfachen, schlug Loewenstein vor, Bauarbeiter künftig zu
uniformieren: »Wenn die Belegschaft zustimmt, wird eine Berufskleidung
eingeführt, an der ein Emblem der Bau-Sozialkassen angebracht ist.«
Die
IG BAU lehnt dies ab: »Auch die kann man fälschen«, sagte
Gewerkschaftssprecherin Sigrun Heil gegenüber ddp. »Das macht die Einhaltung der
Mindestlöhne nicht einfacher.« Die Zahlen Loewensteins wollte sie nicht
bestätigen. »Wir denken, daß es wesentlich weniger sind.« Allerdings schloß sich
Heil der Auffassung an, daß die Kontrollen zum Mindestlohn unzureichend seien.
Die Sprecherin erneuerte in diesem Zusammenhang die Forderung der IG BAU nach
einer obligatorischen Erfassung der realen Arbeitszeiten auf einer, auch vom ZDB
befürworteten, »Jobkarte«. Die immer wieder dagegen ins Feld geführten
datenschutzrechtlichen Bedenken seien vorgeschoben, so Heil.
Zur Zeit
gibt es in sechs Wirtschaftszweigen tarifliche Mindestlöhne, die vom
Wirtschaftsministerium für allgemeinverbindlich erklärt wurden. Diese gelten für
alle Betriebe und Beschäftigten in der jeweiligen Branche, auch wenn sie nicht
tarifgebunden sind. Die Höhe schwankt je nach Branche und Region zwischen 12,50
Euro (Fachwerker, Bauhauptgewerbe Westdeutschland) und 6,36 Euro
(Gebäudereinigerhandwerk Ost).