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Titel: Die Folgen der Hartz-Gesetze waren vorhersehbar
Am 30.11.2002(!) hat der Berliner Dipl. Ingenieur
Reinhard Dunkel vor der Delegiertenversammlung der IG Metall Berlin eine Rede zu
den Hartz-Gesetzen u.a.m. gehalten. Weil das eine gute Vorhersage war und
zugleich belegt, dass unsre Verantwortlichen wissen konnten, was sie tun, und
dennoch einige heute aus der Verantwortung fliehen wollen, geben wir den Text
wieder, einschließlich eines aktuellen Nachtrags des Autors. Albrecht
Müller.
An die Delegiertenversammlung der IG
Metall Berlin am 30.11.02
Zitat: «Du sollst Dir kein Bild machen!»
Liebe Delegierte,
hier stehe ich und kann nicht anders. Ich darf zu Ihnen sprechen, als
Gast.
Ich will das Wort an Sie richten, als Gewerkschafter und Mitglied des
Arbeitskreises Arbeitslosigkeit.
Ich muss meine Stimme erheben, denn ich bin
betroffen vom Bild und der Stellung des Arbeitslosen in diesem Deutschland und
als Betroffener.
Und gegen die Einbindung des Hartz-Programms in die
Sparbeschlüsse.
Ich war arbeitslos und bin bald wieder arbeitslos, im Januar 03, liege dann
auf meiner faulen Haut und in meiner sozialen Hängematte, liege dem Steuerzahler
auf der Tasche und bringe Deutschlands Wirtschaft an den Rand des
Ruins.
Zusätzlich bin ich noch ein potentieller Frührentner, der Deutschlands
Sozial- und Rentenkassen plündern will, um sich in südlichen Gefilden zu erholen
auf Kosten und zu Lasten der Jungen Generation.
Dabei habe
ich doch gar nichts in die Rentenkasse gezahlt bis 1990, da ich aus dem Osten
bin, wo es eine hohe versteckte Arbeitslosigkeit gab. Und nach der Deutschen
Einheit musste der Steuerzahler auch noch Solidaritätszuschlag für mich
bezahlen.
Genug vom Sarkasmus.
Ich möchte mich vorstellen: Mein Name ist Reinhard Dunkel, Diplom-Ingenieur, 58 Jahre alt, 40 Jahre Gewerkschafter und auch mal Delegierter Anfang der 90er Jahre. Vielleicht erinnert sich der Eine oder die Andere dunkel daran.
Nach 1990 war ich Betriebsratsvorsitzender der Yachtwerft Berlin. Das
Unternehmen ist liquidiert. Von ehemals 1000 AN haben nur noch wenige Arbeit,
viele wurden arbeitslos. Ältere machten für Jüngere Platz- Vorruhestand.
5
Jahre habe ich Beschäftigungswirksame Projekte für ehemalige Kollegen und andere
Arbeitslose durchführen können. Durchschnittlich 60 Arbeitslose habe ich als
Quasi-Unternehmer beschäftigt.
Hunderte von Betroffenen angehört und
ausgewählt, manchmal hilflos.
1998 wurde ich arbeitslos, unterbrochen durch
Weiterbildung, dann langzeitarbeitslos trotz vieler Bewerbungen von Ost bis
West, Nord und Süd bis Arbeitsort Ausland.
Zurzeit bin ich in einer
Vergabe-ABM im GaLa-Bau als Projekt-Ingenieur tätig, unter anderem auch
verantwortlich für Anhörung und Auswahl zur Einstellung der AN, aber auch zur
Leistungsbeurteilung bis hin zur Entlassung.
Ich bin mit den Arbeitslosen konfrontiert, nicht mit dem Bild, das in dieser Gesellschaft geschürt wird.
Sie kennen die Sprüche in Variationen und unzähligen Wiederholungen:
Presse, Rundfunk und Fernsehen wetteifern förmlich miteinander, um für die
Verbreitung zu sorgen.
(Vor etwa 25 Jahren, soweit erinnere ich mich,
geisterte der arbeitslose Ingenieur durch das Bild, saß auf seiner Yacht im
Mittelmehr und kassierte intelligent jahrelang ALG.)
Heute sitzen angebliche
Arbeitlose in Talkshows für Geld stolz vor der Kamera und bedienen das Bild vom
Sozialschmarotzer. Zufällig?
Fast täglich werden wir über Sozialmissbrauch
von Sozialhilfebeziehern und auch Asylanten informiert, von krank geschriebenen
Arbeitnehmern wird berichtet, die schwarzarbeiten oder das Haus bauen und und
und.
Razzien nach Schwarzarbeitern werden veranstaltet, haben Sie schon mal von Razzien nach den Arbeitgebern gehört
Wie kam es dazu?
Mit den 50er und 60er Jahren der sogenannten Vollbeschäftigung war es in den
70er Jahren vorbei. Nach der ersten Million: Regierungswechsel. Es kam Kohl und
blieb für lange Jahre.
Kampf gegen die Arbeitslosigkeit und Erneuerung der
Gesellschaft.
Trotzdem stiegen die Arbeitslosenzahlen weiter, auf 3 Millionen
1989.
Krise gab es nicht. Nur Ölschock, veraltete Industrien, abflauende
Konjunktur, Strukturkrisen, zu hohe Lohnnebenkosten, zu geringe
Arbeitszeit,
Im Westen nichts Neues.
Dann Deutsche Einheit, Explosion der
Arbeitslosenzahlen, vor allem in den Neuen Ländern, weit über 4 Millionen.
Es
fehlen in Deutschland 7 Millionen Arbeitsplätze, grob geschätzt.
Der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit wurde mehr und mehr ein Kampf gegen die
Arbeitslosen. Und so war es nicht verwunderlich, dass plötzlich von der
sozialen Hängematte gesprochen wurde, die die Menschen und
speziell die Arbeitslosen daran hindern, etwas für sich und Deutschland zu
tun.
Wer kennt noch den Satz: Wer sich keine Milch kaufen kann, soll sich
keine Kinder anschaffen.
England, Frau Thatcher! Der
Gewerkschaftstöter.
Oder das Wort vom sozialverträglichen
Ableben von Alten
Rentnerschwemme, den Rentnern geht es viel zu
gut.
Dann kam eine neue Regierung: Kampf der Arbeitslosigkeit ihr Kredo, das Ziel
500tausend weniger, der Aufschwung war ja da und die Meßlatte schien nicht zu
hoch.
Zwei Jahre später war alles anders, der Ausspruch über die faulen
Arbeitslosen zeugte von der Hilflosigkeit. Statt Kampf gegen die
Arbeitslosigkeit Kampf gegen den Arbeitslosen.
Wieder geriet der Sozialschmarotzer in die Schlagzeilen. Ausrutscher von Beamten oder Sozialamtsangestellten erregen kaum Interesse
Es häuften sich leere Versprechungen zur Schaffung von Arbeitsplätzen.
Bündnis für Arbeit, was wurde daraus? Nichts!
Wer
erinnert sich noch an die Greencard für 10tausend IT-Spezialisten und die dazu
versprochenen 300tausend Arbeitsplätze, die durch ihre Anwesenheit geschaffen
werden. Ein Riesenflop, die Branche kriselt.
Wer erinnert
sich an den Haushaltsscheck Blümscher Prägung zur Schaffung haushaltsnaher
Arbeitsverhältnisse mit Sozialabgaben?
Der Flop lässt grüßen, speziell Herrn
Hartz.
Hartzkommission und Regierung haben sicher zuerst gute Absichten gehabt, aber die Betroffenen wurden weder um Rat gefragt noch um Mitarbeit gebeten.
Statt dessen sind die flotten Sprüche wieder da und wie.
Professoren und
andere Gutverdienende geben solche in Presse und Fernsehen gefragt und ungefragt
von sich.
Ein Grüner namens Kuhn: Es ist noch viel Saft in
der Zitrone!
Wen er meinte, ist klar, Arbeitslose und andere. Aber
wie kommt ein Mann zu dieser Ansicht und Einstellung?
Da sagte ein
Superminister Clement: Viel Arbeitsplätze werden es
nicht werden, aber es trägt zur Konsolidierung des Haushaltes
bei.
Am Wesen des Arbeitslosen wird der Haushalt leider nicht
genesen.
Eine andere Grüne namens Scheel blickt scheel auf die
Frührentner und meint, dass die Abzüge bei Verrentung mit 60 viel zu niedrig
sind.
Und der Weise Miegel erklärt das noch wissenschaftlich
und der Gesundbeter Rürup will auch gleich das Rentenalter auf
67 steigend bis 70 anheben.
Sozial verträgliches Ableben fällt mir dazu nur
ein.
Lasst uns doch erst einmal bis 60 arbeiten, statt uns mit 50 in die Arbeitslosigkeit zu schicken.
Vielleicht sollten Beamte und Politiker ein Arbeitslosengeld beziehen
entsprechend Dauer und Alter bis max. Bemessungsgrenze und dann wieder mal
arbeiten. Und keine lebenslange Pension.
Wenn ich mit 60 in Rente gehen muss,
bekomme ich also 82 % , aber über 10 % eines Arbeitslebens fehlen bereits. Da
ich im Osten groß geworden bin, fehlen noch weitere 15 % und das Rentenniveau
wird wohl erst nach meinem Ableben ausgeglichen. Überschlägich denke ich, dass
ich dann nur rund 60 % der Rente eines vergleichbaren Eckrentners erhalte.
Bestätigte mir gerade Ministerin Schmidt mit angeblich 70 %,
aber Sie kennt wohl nur den Westrentner.
Da kann Kuhn noch viel Saft herauspressen, notfalls wird
meine Rente dann auf die Höhe vom Grundbedarf auf Antrag wieder
aufgestockt.
30.000 Anspruchsberechtigte gibt es mindestens
in Berlin.
Grundbedarf etwa 800 Euro.
Zum Vergleich:
4 Millionen Arbeitslose, ein Viertel davon ohne
Entgeltersatzleistung.
1,7 Mio Arbeitslosenhilfeempfänger,
durchschnittlich 500 Euro AlHi.
Altersarmutsgrenze
Ich soll beweglich gemacht werden durch ein umfassendes System von
Strafandrohungen, besser sollte man sagen gefügig.
Da sollen
Zeitarbeitsfirmen nach Tarif zahlen, zum Einstieg darf schon mal für das
Arbeitslosengeld netto gearbeitet werden.
Nichts Neues nach SGB III.
Ich
arbeite zuzeit netto zu meinem Arbeitslosengeld, gekürzt 80% Lohn bei 90 %
Arbeitszeit, also 72 % Lohn nach Tarif, weiter geht der Abstieg
nicht bzw. ist nicht zumutbar.
Aber bald, wenn wir dem nicht Einhalt
gebieten.
Wie war die Stellung des Arbeitslosen in dieser Gesellschaft:
Er hat keine
Stellung, denn er ist arbeitslos. Und das Bild des Arbeitslosen, wie es in
dieser Gesellschaft von Politikern, Wirtschaftsweisen, Bankern,
Vorstandsvorsitzenden und Reportern in Presse, Rundfunk und Fernsehen
dargestellt wird, ist ein Zerrbild.
Ein Schelm, der Arges dabei
denkt.
Gipfel eines solchen Zerrbildes war die beabsichtigte
Arbeitslosen-Show, deren Sieger einen Arbeitsplatz erhalten sollte.
Im
Rundfunk werden Arbeitsplätze vermittelt, nach dem Motto: Wir können es, das
Arbeitsamt nicht.
Dazu gehörte auch die Kampagne gegen das Arbeitsamt und
seine Mitarbeiter. Ich bin auch mit vielen Dingen beim Arbeitsamt nicht
glücklich. (Etwa wenn mir eine 25jährige Vermittlerin erklärt, dass ich mit 55
zu alt für eine Weiterbildung bin.)
Aber diese pauschale Herabsetzung des AA
hatte Methode und lenkte von Fehlern von Politik, Wirtschaft und auch
Gewerkschaften ab.
Auszug aus dem DGB Forderungen an die neue Regierung (vor der Wahl) Zitat:
"Mit dem Regierungswechsel im Jahre 1998 hat eine Wende hinzu einer neuen Politik für Arbeit und sozialer Gerechtigkeit begonnen."
Das muss in einem anderen Land gewesen sein, in einer anderen
Zeit, denn der Sozialabbau ist ungehindert weitergegangen und ein
Riester hat den Ausstieg der Arbeitgeber aus der
Sozialverantwortung möglich gemacht. Bismarck ist
sauer.
Wer hat bloß den Schröder als Kanzler
gewollt, war`s der Zwickel.
Das
Hartz-Programm lehne ich ab. Es stinkt mir zu sehr, das
umgesetzte Programm.
Nicht der Herr Hartz. Der ist auch schon
sauer.
Reinhard Dunkel
Nachtrag des Autors vom Februar 2007:
Rückblickend bin ich einerseits stolz auf meine damalige weitsichtige
Ausarbeitung und traurig darüber, dass es den in den Hartz-Vier-Parteien
(CDU/CSU, SPD, Grüne und FDP) wirkenden Verantwortlichen gelungen ist, auch
wegen des fehlenden Widerstandes der Eliten, diese Gesetzgebung
durchzudrücken.
Das sage ich immer wieder, wenn sie erklären, sie hätten ja
nicht geahnt, wie groß die Zahl der Betroffene war und erklären es noch als
Verdienst, sie hätten die verdeckte Armut ans Tageslicht gebracht:
"Herr,
vergib Ihnen nicht, denn Sie wissen was sie tun!"
Und erklären, es war doch gut, Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe zusammenzuführen. Ja, aber nicht auf dem Niveau der Sozialhilfe!
Und heute versuchen diese Partei-Eliten uns weiszumachen, sie selbst hätten
das ja nicht gemacht, das waren ja die anderen. So auch ein Bütikofer, der sich
doch mit seiner Partei, den Grünen, als Motor und Mutter der Reformen sah, tut
heute so, als habe er mit Hartz IV nichts zu tun gehabt und fordert plötzlich
auch weitgehende Änderungen und Erhöhungen des Regelsatzes und einen
Mindestlohn. Na schau doch mal an. Habe ich einem Beitrag im "Neuen Deutschland"
vom 14.07.2007 entnehmen können.
Oder sucht er nur die vergesslichen und
verdummten Wähler für die Grünen zu gewinnen?
R.D.
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